Humbug der Woche – vorauseilender Gehorsam bei Speisetabus

Humbug der Woche – vorauseilender Gehorsam bei Speisetabus

Sorry, aber ich als Deutscher verstehe nicht, warum du ein Schweinerezept in einer muslimischen Gruppe teilst?

Vor einigen Wochen hatten wir ein Rezeptvideo für einen besonders köstlichen faschierten Braten auf Facebook geteilt, unter anderem in einer libanesischen Kochgruppe. Und dieses Rezept enthielt auch Schweinefleisch und Speck.

Das Echo war nicht gerade ein Shitstorm, aber es gab einige empörte Kommentare und die Aufforderung, den Beitrag zu löschen. Unter anderem war da zu lesen: 

„In einer Kochgruppe eines orientalischen Landes mit großem muslimischen Anteil, wo es ja sogar offensichtlich ist, dass ein großer Teil gerade am Fasten ist, würde mir nicht im Traum einfallen, Schweinefleischrezepte zu teilen. Ich bin auch in veganen Kochgruppen und poste mein Tomaten-Mozzarella-Hähnchen dort nicht!“

„Sorry, aber ich als Deutscher verstehe nicht, warum du ein Schweinerezept in einer muslimischen Gruppe teilst? Ich finde es total respektlos, deswegen bitte löschen!!“

Auffällig bei diesen negativen Reaktionen war, dass sie ausnahmslos von Deutschen mit deutschen Namen kamen, während die positiven Kommentare, die uns alle vehement verteidigten, von Menschen mit arabischen Namen kamen – auch ausnahmslos:

„Das ist keine muslimische Gruppe, es gibt viele Christen in arabischen Ländern!“ 

„Im Libanon leben Christen und Muslime!“

„Wir sind keine muslimische Gruppe!!!!!! Hier sind religiöse Beiträge strengstens untersagt. Hier gibt es von jeder Religion und jeder Nation etwas. Wieso soll er kein Schwein posten? Und wieso soll das respektlos sein? Respektlos ist es eher, andere zu verurteilen, nur weil sie keine Moslems sind oder sich anders ernähren. Hier kann jeder das posten, was er möchte, solange es etwas mit Essen zu tun hat. Einige Kommentare sind einfach überflüssig und deuten direkt auf die fanatische Denkweise, die viele in sich tragen…“ 

Dieser Kommentar stammt übrigens von einer Dame, deren Vorname Wafaa lautet und die sich auf ihrem Profilbild mit Kopftuch präsentiert.

Was läuft hier eigentlich auseinander, dass wir von Deutschen als respektlos angepflaumt werden, wenn wir ein Lieblingsgericht der Deutschen in einer Gruppe posten, in der sie eine muslimische Mehrheit vermuten? Und dann genau diese Muslime den Deutschen widersprechen und ein Ende dieser fanatischen Denkweise fordern! Das ist schon interessant.

Wer ist hier respektlos?

Ist nicht der vorauseilende Gehorsam für vermeintliche Speisetabus die eigentliche Respektlosigkeit gegenüber den Menschen die diese Tabus nicht teilen? Immerhin gehört fast die Hälfte der libanesischen Bevölkerung christlichen Glaubensrichtungen an. Nicht zu vergessen, dass auch dort viele Menschen nicht religiös sind.

Damit wir uns nicht missverstehen: Wir respektieren alle religiösen und auch sonstigen Speisetabus. Wenn jemand etwas nicht essen will, dann ist es sein gutes Recht, es nicht zu tun – Punkt! Aber daraus den moralischen Imperativ abzuleiten, dass alle anderen es ebenso sehen sollen – das ist respektlos.

Aber es ist nicht respektlos, etwas zu essen, was für andere tabu ist. Auch nicht, darüber zu sprechen und Rezepte zu veröffentlichen. Es ist nur ein Angebot; wer es nicht mag, braucht es nicht zu essen. Wenn sich jemand schon dadurch beleidigt fühlt, dann ist die Respektlosigkeit auf seiner Seite. 

Und wenn Vertreter der eigenen, mitteleuropäischen Schweinefleischkultur aus lauter vorauseilender Rücksichtnahme die einzigen Empörten sind, dann ist das doch einigermaßen schräg. 

Wir lieben die muslimischen Kochkulturen, aber auch Schweinefleisch!

Und noch Etwas zur Klarstellung: Wir lieben die Küchen der muslimischen Kochkulturen und sind fleißig dabei, viel von ihnen zu lernen. Die kulinarischen Welten von Nordafrika über die Levante, über Arabien, die Türkei bis Persien, Nordindien und Zentralasien gehören für uns zu den besten und höchst entwickelten überhaupt. Sie spielen eine immense historische Rolle, ohne die die heutigen europäischen Küchen gar nicht denkbar wären. 

Aber wir lieben auch Schweinefleisch und lassen uns bei der Auswahl der möglichen Zutaten durch nichts einschränken. Im Gegenteil, wir sehen die Aufgabe der Kochkunst in der maximalen Vielfalt der kulinarischen Möglichkeiten, gerade durch das Lernen von anderen Kochkulturen. Wir Kochgenossen definieren uns auch dadurch, keinerlei Speisetabus zu haben, sondern allem Kulinarischen mit Interesse zu begegnen (was nicht automatisch heißt, dass uns alles schmeckt).

Deshalb interessieren uns die Kochkulturen am unteren Mekong so besonders. Die Regionen des nordost-thailändischen Isaan, von Laos, Kambodscha und Vietnam sind bekannt dafür, dass sie offensichtlich die einzige Gegend der Welt sind, wo keinerlei kulturelle Speisetabus existieren. Wie befreiend! 

Etwas gemeinsam NICHT zu essen ist eines der stärksten Rituale des Zusammenhalts

Die meisten Kulturen definieren sich geradezu durch das, was sie nicht essen, oder zu bestimmten Zeiten nicht essen. Kulturelle Identität entsteht in hohem Maße durch diese Aus- und Abgrenzung – „wir sind diejenigen, die das NICHT essen!“ Diese Negation wirkt offensichtlich stärker als das Positive, also das, WAS in einer Kultur gegessen wird. 

Etwas gemeinsam nicht zu essen, ist eines der stärksten Rituale, die eine Kultur zusammenhält. Und es ist kein Wunder, dass die seit Ewigkeiten über die ganze Welt verstreute jüdische Kultur, die strengsten, weitreichendsten und – für Außenstehende – absurdesten Speisetabus zelebriert. Es geht dabei weniger um hygienische oder gesundheitliche Aspekte, wie man uns im Schulunterricht weis machen wollte. Viel mehr geht es darum, durch den Verzicht kulturelle Identität und ein Zugehörigkeitsgefühl zu erzeugen. Gerade scheinbar absurde Vorschriften, die im Alltag einen erheblichen Zusatzaufwand erfordern, sind offensichtlich besonders wirksam.

„Du sollst ein Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen.“ steht im zweiten Buch Mose (Exodus), ein Text der sowohl Teil der jüdischen Thora als auch des christlichen Alten Testaments ist. Daraus entwickelte sich im Judentum das Gebot, grundsätzlich Fleisch und Milch nicht zusammen zu kochen oder gar zu verzehren. Die häufigsten Erklärungen für dieses Speisetabu verweisen auf Fruchtbarkeitsriten, bei denen genau das gemacht wurde: es heißt, neugeborene Tiere wurden auf diese barbarische Weise den Göttern geopfert um die eigene Fruchtbarkeit zu begünstigen. Historisch bestätigt ist das nicht.

Andere meinen tatsächlich, es sei ungesund, fleischige und milchige Produkte gleichzeitig einzunehmen, und man sollte dazwischen mindestens 6 Stunden Abstand lassen. Und gläubige Juden würden vermutlich sagen: „Es ist Gottes Wille und der ist nicht zu hinterfragen“. 

ein Speiseverbot für das Lieblingsgericht der Anderen?

Wenn man sich jedoch die nicht jüdischen Kochtechniken des Nahen und Mittleren Ostens genauer ansieht, wird einem die enorme Tragweite dieses Speisetabus bewusst. Denn das Garen von Fleisch in Milch ist dort geradezu ein Grundpfeiler der Kochkultur! Und das sicher seit Jahrtausenden, denn es ist kochtechnisch naheliegend, wenn man Rinder, Ziegen und Schafe züchtet. Natürlich nicht in frischer Milch – das war nicht nur in diesen Breiten vor dem Kühlschrank unmöglich – sondern in verarbeiteter Milch, also Joghurt und Butter. Für die zentralasiatischen Völker waren Fleisch, Joghurt und vergorene Stutenmilch absolute Grundnahrungsmittel, die natürlich gleichzeitig konsumiert wurden. Von der Türkei bis Nordindien gilt ein Gericht namens Korma zu Recht als ein Höhepunkt der Kochkultur. Dabei werden zarte Fleischwürfel von Zicklein oder Lamm in viel Ghee (indisches Butterschmalz) und Joghurt behutsam geschmort. Man kann sich vorstellen, dass Moses genau dieses Gericht vor Augen hatte, als der Urtext verfasst wurde: Fleisch in Milch gekocht!  

Identität wird erzeugt, indem man ein Lieblingsgericht des Anderen zum eigenen Speisetabu erklärt. 

Indisches Korma – „Zicklein in Milch gegart“

die Kartoffeln meines Vaters

Das funktioniert nicht nur in religiösen Kontexten, sondern auch innerhalb von Familien. Es gehört zu meinen frühesten persönlichen Erinnerungen; wahrscheinlich war ich im Trotzalter, als ich begann, lautstark zu erklären, dass ich keine Kartoffeln mag. Diese Abneigung zog ich bis zum Ende der Pubertät durch, faselte sogar von Unverträglichkeit und Allergie. Erst später wurde mir bewusst, woher diese Abneigung rührte: Kartoffeln waren eine Lieblingsspeise meines Vaters und oft – vielleicht zu oft – erklärte er, dass er allein von Kartoffeln, Butter und Salz leben könnte, so sehr schmeckten sie ihm. Mein frühkindliches Speisetabu war einfach eine deutliche Abgrenzung, die ich für meine Persönlichkeitsentwicklung brauchte: Ich bin nicht er, ich bin ich, ich unterscheide mich von ihm!

Und natürlich mag ich Kartoffeln, ich liebe sie, genau wie mein lieber Vater. Doch das war mir in den ersten 15 Jahren meines Lebens nicht bewusst; ich übte mich eifrig darin, Kartoffeln NICHT zu essen.

kulinarische Toleranz statt Tabus

Das ist das Problem, das wir mit Speisetabus und zur Schau getragenen „Unverträglichkeiten“ haben: Oft werden Lebensmittel abgelehnt, nicht weil sie nicht gut sind, sondern weil ein Bedürfnis nach Abgrenzung besteht. Damit wird kulturelle Vielfalt und das Nahrungsangebot eingeschränkt. Wir plädieren für eine größtmögliche kulinarische Toleranz.

Natürlich gibt es auch Speisetabus, die aus vernünftigen Gründen entstanden sind, etwa das hinduistische Tabu für Rindfleisch. Eine Kuh war als Milchlieferant und Zugtier viel zu wertvoll um sie zu schlachten und das Fleisch zu essen. Auch die Kritik der aktuellen Veganismus-Welle ist in vielen Aspekten berechtigt. Die industrielle Massenproduktion mit ihrer Tierquälerei sollte aus vielen Gründen hinterfragt werden. Nicht zuletzt wegen der schlechten Qualität, die sie liefert. 

Doch daraus ein pseudoreligiöses Speisetabu abzuleiten und Leute generell zu verurteilen, weil sie Fleisch essen, wäre grundfalsch. Es wird einfach nicht funktionieren, weil Fleisch für die Gattung Homo seit weit mehr als einer Million Jahren ein überaus wichtiges und hochwertiges Nahrungsmittel ist; seit viel, viel längerer Zeit als jedes Getreide, Obst oder Gemüse, das wir heute kennen. Fleisch zu lieben ist vermutlich längst in unseren Genen eingeschrieben. Deshalb übertreiben wir auch unseren Fleischkonsum oft in eine Maßlosigkeit, wenn es billig und massenhaft zur Verfügung steht, genauso wie beim Zucker.

Fleisch als Gewürz – ein Gegenentwurf zum radikalen Veganismus

Statt darauf ganz zu verzichten, kann man aber auch einfach weniger Fleisch essen. Wir Kochgenossen erkunden seit Jahren Speiseformate, die Fleisch in geringer Dosierung verwenden. Besonders in Südostasien und China gibt es unzählige traditionelle Kochkonzepte, die Fleisch nur als Gewürz verwenden. Für eine Portion Dandan-Mien-Nudeln oder Gan-Bian-Fisolen braucht man nur 20 bis 30 Gramm Hackfleisch – das entspricht etwa einem Achtel der üblichen Gastronomie-Portion. Trotzdem erlebt man den vollen, sinnlichen Genuss, den nur gebratenes Fleisch vermitteln kann, niemals jedoch ein Ersatzprodukt. Vielleicht sogar intensiver als beim Verdrücken einer Riesenportion Fleisch. Die sinnliche Wahrnehmung versinkt dabei nicht im Overflow. Weniger kann tatsächlich mehr sein.

Gan Bian Doujiao – gebratene Fisolen mit Hackfleisch als Gewürz.

Die Nahrungsmittelindustrie übernimmt die Rolle der Religionen in Sachen Speisetabus und verdient eine Menge Geld damit

Selbstverständlich gibt es Menschen mit tatsächlichen Allergien und ernsthaften Unverträglichkeiten, aber es ist weit darüber hinaus zu einem Modetrend und Glaubenssystem geworden, bestimmte Lebensmittel nicht zu vertragen.

Das Bedürfnis nach Abgrenzung und Identität durch Verzicht ist seit einigen Jahren zum erfolgreichen Geschäftsmodell der Nahrungsmittelindustrie geworden. Sie übernimmt die Rolle der Religionen in Sachen Speisetabus und verdient eine Menge Geld damit. Während es im 20. Jahrhundert darum ging, Nahrungsmittel mit Zusätzen anzureichern (mit „wertvollen“ Spurenelementen, Kalzium und Vitaminen), steht heute der Verzicht auf Inhaltsstoffe im Mittelpunkt des Marketings (frei von Laktose, Gluten, Fett, Zucker, Geschmacksverstärkern und so weiter). Fast schon ist es zu einem Prestigesymbol geworden, möglichst Vieles nicht zu Essen. Unverträglichkeiten sind cool geworden, man posaunt sie laut hinaus und erwartet Beachtung und Rücksichtnahme – ideale Konsumenten von immer neuen und teureren Produkten, die ein weiters Wachstum der Industrie garantieren. Nicht weil sie besser sind, sondern weil sie Identitätskrisen bedienen.

Gerade in der Luxusgastronomie ist das zu einem Problem geworden – Gäste, die sich damit wichtig machen, alles anders haben zu wollen, als es gedacht ist. „Ich hätte gerne ein Gulasch, aber ohne Zwiebel und bitte kein Fleisch!“

Das verführt immer mehr zu vorauseilendem Gehorsam und zu einer Verflachung der Konzepte.

Wenn ich eine Unverträglichkeit hätte, würde ich nach Kochtraditionen suchen, die gut für mich sind. Wenn ich zum Beispiel Fett meiden sollte, würde ich mich mit der vietnamesischen Küche beschäftigen, denn die verwendet selbst für Salate kein Öl und kennt viele traditionelle Speiseformate, die praktisch fettfrei sind. Oder mit der Japanischen Küche. Aber ich würde keinen mageren Schweinsbraten wollen, keine fettreduzierte Mayonnaise, kein Magerjoghurt und prinzipiell keine Ersatzprodukte. Denn all das verdirbt das eigentliche Konzept, den „Sinn“ einer Speise. Schlutzkrapfen ohne braune Butter sind einfach völlig daneben! 

Kompromisslose Authentizität – Sri Thai Imbiss in Wien

Ich bestellte die Speise, litt wie ein Schwein und bedankte mich

Ein erhellendes Erlebnis in diesem Zusammenhang hatte ich vor Kurzem beim Besuch einer thailändischen Imbissstube in Wien, die für besonders authentisches Essen und strenge Umgangsformen bekannt ist. Ich bestellte ein Gericht, bei dem auf der Karte der Hinweis „extrem scharf!!!!!“ mit fünf Rufzeichen vermerkt war – mit der Bitte, es womöglich nicht allzu scharf zu machen. 

Diese Bitte wurde sofort ganz klar und geradezu empört abgelehnt. So sei eben das Konzept dieser Speise, das gehöre so und das würde nicht verändert werden, niemals! „Wenn Sie Scharfes nicht mögen, bestellen Sie etwas anderes!“

Nach kurzer Verblüffung meinerseits dämmerte mir, welch großartige und wichtige Botschaft das war: Wenn du eine Speise nicht magst, dann iss sie nicht, aber versuche nicht, sie zu verändern, denn dadurch verliert sie ihre Idee, ihr Konzept, ihre Seele. 

Ich bestellte die Speise, litt wie ein Schwein und bedankte mich bei den Wirtsleuten für ihre bewundernswert konsequente Haltung. 

Michael Langoth

Dan dan Mien Nudeln

Dandan heißt die chinesische Tragestange, an deren Enden zwei Behälter hängen. Mehr brauchten in früheren Zeiten die Straßenverkäufer nicht, um das Volk mit dem Nudelklassiker des chinesischen Fastfood zu versorgen…

Mehr lesen

1 Comment

  1. michael langoth

    Schwein oder nicht Schwein, das ist hier die Frage… (to pig or not to pig)

    Antworten

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommandosachen
Humbug & Mumpitz

Aus dem Archiv