Der Suppenstand von Koh Lipe

Der Suppenstand von Koh Lipe

Massentourismus ruiniert das gute Kochen – und wie man doch noch Ausnahmen findet.

Koh Lipe – die südlichste aller thailändischen Inseln galt bis vor wenigen Jahren noch als Geheimtipp und tropisches Paradies mit unberührten Stränden und bunten Korallenriffen im glasklaren Wasser. Doch wie das so ist mit den Träumen vom Paradies: in Windeseile werden sie zum großen Geschäft und ziehen unweigerlich die Touristenmassen an. Heute ist die winzige Insel in der Wintersaison übervoll mit Touristen, alles ist mit Hotels und Geschäften verbaut, über dem Korallenriff knattern hunderte Motorboote und Fährschiffe und die Insel hat ein veritables Müllproblem.

 

Wir hatten uns gedacht, dass wir im Zuge unserer kulinarischen Malaysienreise zwischen Weihnachten und Neujahr ein bisschen ausspannen könnten, und hatten für diese Woche ein paar Hütten in einem Resort auf Koh Lipe gebucht. Dass eine derartige Masse an Menschen auf einer so kleinen Insel Platz findet, hatten wir vorher nicht gedacht. Das allabendliche Gewusel auf der engen „Hauptstraße“ ist nur schwer erträglich. Ebenso das Gewusel der an- und abreisenden Touristen am wunderschönen Hauptstrand, wo man kaum ins Wasser kommt, weil hunderte Boote am Strand liegen und dauernd laut knatternd aus und ein fahren.

Und trotzdem ist die Insel schön – man kann schon noch entspannen, und ja, die Korallenriffe sind trotz massenhafter Betauchung immer noch intakt, aber schlimm war’s mit dem Essen; überall touristisch angepasst und lieblos gekocht! In der Zwischenzeit sind es weit über hundert Resorts, Hotels und Restaurants, die im Grunde alle gleich kochen. Wenn am Abend noch die zusätzlichen Tische am Strand aufgestellt werden, sind es oft über hundert Gäste, die aus einer einzigen Restaurantküche versorgt werden müssen. 

Dementsprechend schnell und unaufmerksam wird gekocht. Die Zutaten kommen vermutlich alle gleichzeitig in den Wok, werden blitzschnell heiß gemacht, mit einem Schuss Austernsauce versehen und sofort serviert. Wenn man die „Originale“ dieser Speiseformate kennt und weiß, wie gut die sein können, ist das Essen auf Koh Lipe frustrierend. Nie haben wir schlechtere Fassungen von Pad Thai oder Pad Krapao Plamuk bekommen als hier. Natürlich gibt es auch das „internationale“ Angebot an Touristenessen, wie Burger, Pizza, Pasta und Clubsandwich. Aber auch das ist keine Freude und weit entfernt von gut! (OK., die Pizza war erstaunlicherweise essbar).

Jeden Tag haben wir neue Restaurants besucht, jeden Tag die gleiche Frustration!

Plötzlich sind wir mitten drin, im Himmel der kulinarischen Verzückung!

Doch dann ist uns, dank der Spürnase unseres Kochgenossen Gabor, ein völlig unscheinbarer Suppenstand aufgefallen, am Rand des überfüllten Promenadenwegs, der die beiden Hauptstrände der Insel verbindet: „Stewed beef & chicken noodle with bitter melon“ steht auf einem Transparent über dem kleinen, garagenartigen Raum, der sich zur Straße hin öffnet und ganzen 4 Tischen Platz bietet. Ganz hinten im Raum steht ein Zelt, das den Betreibern offensichtlich als Nachtlager dient. Überall sind Kartons, Flaschen und Plastikbehälter gestapelt. In einem großen, dreigeteilten Kessel vorn an der Straße, brodelt Suppe mit Stücken von unbekannten Zutaten vor sich hin. 

Wenn man das Lokal betritt, stellt ein älterer Herr eine einzige Frage: „chicken or beef?“ – denn es gibt hier nichts anderes als Hühner- oder Rindsuppe.

Und als die Suppe dann auf den Tisch kommt, sind wir mitten drin, im Himmel der kulinarischen Verzückung! 

Was für ein Unterschied zu den Touristenrestaurants! Das gehört zu den besten Suppen, die wir je gegessen haben; mit Hingabe und großer Kompetenz wahrhaftig und liebevoll gekocht! Man spürt sofort, dass die sympathische Köchin jedes kleine Detail beachtet und alles ist mit großer Kunstfertigkeit auf den Punkt bringt. Einfach, pur und nicht behübscht.

Von nun an werden wir jeden Tag, den wir auf der Insel sind, mindestens einmal, manchmal zweimal hier essen gehen, und zwar alle sieben von uns! 

Die Methode, Fleischsuppen mit Bittergurken (auch Bittermelonen genannt) zu kochen hat in China und Südostasien eine lange Tradition, wobei die chinesische Variante von Momordica charantia übrigens überhaupt nicht bitter ist, zumindest nicht, wenn sie in der Suppe gekocht wurde. Sie gilt als überaus bekömmlich und gesund, ist gut für Leber und Nieren, aufbauend und kräftigend, wie kaum eine andere Speise.

Sogar in der westlichen Medizin werden die Wirkstoffe als Arzneimittel gegen Diabetes, Krebs und Fettsucht anerkannt. Auch ihre antibiotische Wirkung ist in vielen Fällen nachgewiesen.

Momordica charantia, Bittergurke oder Bittermelone, chinesische Varietät

Wie ein warmes Vollbad, in das man gleichsam hineintaucht, um die vielen sensorischen Reize zu genießen.

Aber abgesehen von der wohltuenden körperlichen Wirkung sind diese Suppen auch kulinarische Kunstwerke. Es ist wie ein warmes Vollbad, in das man gleichsam behaglich hineintaucht, um die vielen sensorischen Reize zu genießen: rutschig glatte Nudeln mit perfektem Biss, duftende, kräftige Suppe, perfekt gegarte, zarte Fleisch- und Gemüsestücke, knackig frisches Grün und eine warme Grundschärfe von Gewürzen wie Ingwer, Knoblauch, Sternanis und Chili, die den Kreislauf auf Trab bringen.

Es ist schon ein Wahnsinn, wie die Küche einer ärmlichen Bude wie dieser hier, all die teilweise luxuriösen Hotels und Restaurants in den Schatten stellt!

Die Touristen wissen gar nicht, was sie versäumen.

Doch das bekommen nur ganz wenige Touristen mit, denn den meisten erscheinen Foodstalls wie dieser als schlampig, schmutzig, ärmlich und unhygienisch. Sie wissen gar nicht, was sie da versäumen! Außer uns essen hier fast nur Einheimische: Zimmermädchen, Putzfrauen, Masseusen und sonstiges Personal der Tourismusindustrie.

Südostasien zeigt uns, wie bescheiden und einfach eine ausgezeichnete Küche sein kann.

In Europa könnte so ein Laden niemals existieren; viel zu streng sind die behördlichen Auflagen in Sachen Hygiene, Sicherheit und Bauordnung. Deshalb ist Gastronomie in jeder Form bei uns immer mit immensen Investitionen verbunden, die es unmöglich machen, mit überschaubarem Aufwand, gut und günstig zu kochen. Investoren übernehmen das Geschäft, nicht gute und wahrhaftige Köchinnen und Köche. Die können sich höchstens anstellen lassen, sich unterordnen und selten das machen, was sie eigentlich wollen und können.

Höchste Zeit, dieses überfrachtete System zu hinterfragen! Südostasien zeigt uns, wie bescheiden und einfach eine ausgezeichnete Küche sein kann, und dass auch arme Menschen die Chance haben, als Unternehmer damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Für uns steht hier das gute Essen im Vordergrund. Wenn das in Plastikschüsseln auf Resopaltischen serviert wird, wenn geschmacklos-naive Poster an der Wand hängen und das Durcheinander im Raum nicht dem europäischen Verständnis von ehrenwerter Makellosigkeit entspricht, so ist uns das egal – ja zuweilen sogar sympathisch.  

Wir verraten hier ausnahmsweise nicht die genaue Lage dieses Foodstalls, denn wir finden es schön, dass es hier eine kleine Oase gibt, die nicht durch und durch vom Tourismus vereinnahmt wird. 

Sollte jemand daran interessiert sein, wird es nicht sonderlich schwierig sein, den Suppenladen zu finden. Koh Lipe ist nicht groß.

Koh Lipe, Thailand

Koh lipe, Thailand
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